10.3.2016: Lesung von Professor Kuschel über Martin Buber und seine Herausforderung ans Christentum



Karl-Josef Kuschel, emeritierter Professor für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der katholisch-theologischen Fakultät und neben Hans Küng stellvertretender Direktor des Instituts für ökumenische und interreligiöse Forschung der Uni Tübingen stellte am 10.3. sein neues Buch über Buber vor und hielt vor ca. 50 BesucherInnen einen faszinierenden Vortrag über Buber, diesen "großen Lehrer und Führer der geistigen Eliten unter den Juden" und zugleich den "großen Schriftsteller, u.a. der Erzählungen der Chassidim " (Hermann Hesse).

Kuschel nannte zu Beginn einige Gründe, warum man sich heute, 50 Jahre nach dem Tod Bubers, wieder verstärkt an ihn erinnert:  Buber war mit seinem großen Werk "Ich und Du" einer der großen deutschen Philosophen unsrer Zeit neben z.B. Heidegger, Adorno und Bloch. Er war mit seiner "Verdeutschung der Bibel" und seiner Friedenspreisrede 1953 ein großer Brückenbauer zwischen Juden und Christen, zwischen Israel und Deutschland. Er stand für die Verständigung zwischen Zionisten und palästinensischem Volk unter dem prophetischen Leitwort "Gerechtigkeit". Er passte in kein Schema, war ein Unangepasster, kämpfte sowohl genauso gegen jüdisch-orthodoxe "Vergesetzlichung" wie gegen ein Aufgehen des Judentums in Deutschland. Er war kritischer Zionist, Vertreter eines hebräischen Humanismus statt einem israelischen Nationalismus. Buber war tief enttäuscht, dass eine Verständigung mit den Arabern 1948 nicht gelungen ist. Er engagierte sich im interreligiösen Dialog, auch mit Muslimen. Er lebte und dachte aus der Freiheit einer ganz persönlichen Gotteserfahrung heraus, nicht in subjektiver Beliebigkeit, sondern als Antwort auf das ewige Du Gottes und damit in Zwiesprache mit diesem Du, wie es vor allem aus der Überlieferung der jüdischen Bibel entgegenkommt. Angesichts der Schoa und der bis heute unerlösten Welt fragte er im Gespräch mit Christen kritisch:  War Jesus wirklich Messias, Gottes Sohn und Erlöser?

Kuschel zeigte Bubers Kritik am Christentum eindrücklich an seinem Dialog mit K.L.Schmidt in den 30er Jahren, der eine Theologie der Enterbung und Ersetzung Israels durch die Kirche sowie Mission zur Bekehrung der Juden vertrat. Er zeigte aber auch Bubers Verbundenheit mit Tübingen, wo dieser in den 50er Jahren eine Wohnung hatte und im Gespräch war mit dem kath. Prof. Stier und dem ev. Prof. Michel.

Es war ein interessanter Abend über Trennendes und Verbindendes zwischen Christentum und Judentum und das Werk von Martin Buber. Bubers Thesen sind nach wie vor hoch interessant und aktueller denn je. Dies wurde den ZuhörerInnen bei der Lesung aus Professor Kuschels  neuen Buch "M. Buber - seine Herausforderung an das Christentum" schnell klar. 

Danke an Herrn Professor Kuschel, alle Gäste, auch für die angeregte Diskussion und an das katholisch Beldungswerk, Mitveranstalter des Abends.





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