13.6.2012 Silvester Lechner: "Berg Heil" Alpinismus und Nationalsozialismus - eine Beziehungsgeschichte

Dieser Vortrag, den die DIG in Kooperation mit den Alpenvereinssektionen Ulm, Neu-Ulm und Günzburg organisierte, weckte Interesse für die DIG-Fahrt ins Alpine Museum nach München

                   am Sonntag, 16. September  um 9.24 ab Ulm HBF Gleis 25;
                                                               nähere Information erhalten Sie später.

Silvester Lechner, selbst seit vielen Jahren Alpenvereinsmitglied, gab zunächst einen Überblick über die Geschichte des Alpenvereins, die1857 mit der Gründung des "Alpine Club" in London begann. Bald folgte die Gründung des grenzüberschreitenden "Deutschen und Österreichischen Alpenvereins". 1881 wurde der bis heute gebräuchliche Bergsteigergruß "Berg Heil" erfunden und fand schnell breiteste Anwendung. Dieser Titel verweist einerseits auf die Indienstnahme des "Heil" durch die Nazis ab 1923. Er beinhaltet aber auch, dass der Alpenverein ab Ende des 19. Jahrhunderts zu den bürgerlichen Organisationen gehörte, in denen das Ideologien-Gebräu der Nazis vorformuliert wurde.

So war es für die meisten im Publikum neu, dass die Wiener AV-Sektion Austria bereits 1921 den Arierparagraphen einführte. Damit schloss sie 1/3 ihrer Mitglieder, rund 2000 Juden, aus. Erst 12 Jahre später, im Herbst 1933, wurde nach Hitlers "Machtergreifung" der Arierparagraph für alle Alpenvereinssektionen vorgeschrieben.

Auch die Verbindung zu Ulm wurde deutlich, zum Beispiel in der 1934 von den Nazis propagandistisch inszenierten Nanga-Parbat-Expedition. Nachdem der Mt Everest der "Berg der Engländer" genannt wurde, sollte nun der Nanga Parbat der "Berg der Deutschen" werden. Der Ulmer Fabrikantensohn Uli Wieland, geboren 1902, nahm an der Expedition teil und kam am 9. Juli 1934 dabei um. Die Nazis schafften es, diese Katastrophe in "Heroismus" umzumünzen: Bis heute gilt der Nanga Parbat als "Schicksalsberg der Deutschen".

Zwischen 1939 und 1945 kam das wertfreie Bergsteigen fast ganz zum Erliegen, doch auch in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gaben unzählige alte NS-Funktionäre in den AV-Sektionen den Ton an. Erst jetzt, "nur" 66 Jahre nach dem Untergang des NS-Staates liegt mit "Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918-1945, Köln, Weimar, Wien 1911" ein Werk vor, das in großer Breite alle Aspekte mit wissenschaftlicher Genauigkeit darstellt. Auf dieses bezog sich Silveter Lechner in seinem Vortrag ebenso wie auf  "Hast du meine Alpen gesehen? Eine jüdische Beziehungsgeschichte, Hohenems/Wien 2010".

Seinen Vortrag schloss Lechner mit einigen Zitaten jüdischer Bürger aus "Hast du meine Alpen gesehen", die nachdenklich stimmen. So wird z.B. Robert Schindel, geboren 1944 in Wien, zitiert: "Bisweilen kommt es mir vor, dass die Liebe der Juden zu den Bergen auch damit zusammen hängt, dass diese etwas Egalitäres haben. Die Alpen machen keinen Unterschied zwischen Jud und Christ oder Arier, sie werfen ab, wen sie wollen. Den Unterschied müssen also die Alpenvereine machen, die sich ihre Boden- und Wurzelbezogenheit nicht von Asphaltmenschen, Geldsubjekten und Schriftmurmlern stören lassen wollten." Und Arthur Schnitzler schrieb in Das weite Land: "Der Augenblick auf dem Gipfel oben, der Händedruck, dieser Wahn des Zusammengehörens, dieses ungeheure Glücksgefühl, es war wohl alles nur eine Art von Rausch - Bergrausch."

 

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